Gestern, also am 15. Oktober, war Pregnancy and Infant Loss Awareness Day. Grund genug, mal ein Thema anzuschneiden, über das selten geredet wird, das aber gar nicht so selten ist: Fehlgeburten.
Wer sich in den Medien umschaut, in der Klatsch-Presse genauso wie in der Blogger-Welt, bekommt schnell den Eindruck, Schwangerschaften verliefen immer freudig und problemlos (von den bekannten Übelkeit-Müdigkeit-Wehwehchen mal abgesehen). Fehlgeburten? Fehlanzeige.
Tatsächlich aber enden geschätzte 15% der Schwangerschaften in Fehlgeburten, die meisten davon in den berühmten ersten drei Monaten, einige aber auch erst später. 15%, das sind 1/6, das ist Würfelwahrscheinlichkeit. Dass die eigene Schwangerschaft in einer Fehlgeburt endet, ist also etwa so wahrscheinlich, wie eine 1 zu würfeln. Wer schon mal ein Würfelspiel gespielt hat, weiß, dass das gar nicht so selten ist.
Tatsächlich aber enden geschätzte 15% der Schwangerschaften in Fehlgeburten, die meisten davon in den berühmten ersten drei Monaten, einige aber auch erst später. 15%, das sind 1/6, das ist Würfelwahrscheinlichkeit. Dass die eigene Schwangerschaft in einer Fehlgeburt endet, ist also etwa so wahrscheinlich, wie eine 1 zu würfeln. Wer schon mal ein Würfelspiel gespielt hat, weiß, dass das gar nicht so selten ist.
Ich bin 1 von 6. Seit gut einem Monat zähle ich mich dazu. Vorher wusste ich von ein paar Fehlgeburten im Bekanntenkreis, aber das Thema war trotzdem nicht wirklich präsent. Die Reaktionen auf meine eigene Fehlgeburt lassen sich grob in zwei Richtungen aufteilen: entweder reagierten Leute völlig geschockt oder Leute erzählten mir von ihren eigenen Fehlgeburten. Und genau das zeigt das Problem: die Wahrnehmung von Fehlgeburten steht nicht im Verhältnis zu ihrer Häufigkeit. Zweitere Gruppe, die Leute, die plötzlich ihre eigenen Fehlgeburtserfahrungen teilten, war viel größer, als ich erwartet hatte. Erstere Gruppe hingegen war noch nie mit dem Thema in Berührung gekommen, sah Fehlgeburten als äußerst selten und äußerst dramatisch an, bis hin zu erschrockenen Fragen wie "Aber was ist dir denn zugestoßen, dass DAS passieren konnte?". (Ähm, nichts! Nur in den seltensten Fällen werden Fehlgeburten nämlich von "außen", also durch Unfälle oder so ausgelöst. Die meisten passieren "einfach so" und der Grund ist häufig unklar und vor allem unbeeinflussbar, wie etwa Fehler bei der Zellteilung oder zufällige Chromosomenfehler.) Eine relativ große Gruppe wird also völlig aus der Wahrnehmung ausgeblendet. Und das hat Konsequenzen.
Wenn Fehlgeburt nur ein Thema ist, nachdem sie erlitten wurde, dann bleiben Schwangere unvorbereitet auf die Wirklichkeit dieses Themas, wie wahrscheinlich eine Fehlgeburt ist, welche Gründe sie haben kann, wie sie abläuft und wie es danach weitergeht (während viele das Gegenteil annehmen heißt eine Fehlgeburt nämlich meistens nichts für nachfolgende Schwangerschaften). Und das, während auf der anderen Seite der Trend zu einer zunehmenden Information in Hinsicht auf erfolgreiche Schwangerschaften, Prenataldignostik und Geburtsort- und -verlaufswahl geht. Damit werden Fehlgeburten dann, wenn sie eintreten, dramatisiert. Ich will damit nicht sagen, dass es keinen schockierendes und trauriges Ereignis ist. Aber oft wird dieses trotz allem relativ normale (wenn auch nicht schöne) Ereignis hochstilisiert. Auch bei sehr frühen Fehlgeburten (die vor 30 Jahren ohne Zuhause-Schwangerschaftstest oft nichtmals entdeckt worden wären) wird dem verlorenen "Baby" evtl ein Name gegeben und es wird von "Sternenkindern" geredet. Während das sicher für einige seinen Wert als hilfreiche Trauerstrategie hat, birgt es weiterreichende Probleme: Wenn wir Föten in den ersten Schwangerschaftsmonaten als echte Babies ansehen, kommen wir in einen Zwiespalt, wenn wir für die freie Wahl gewollter Schwangerschaftabbrüche, also Abtreibungen, argumentieren wollen. Denn wie kann auf der einen Seite das ungewollte Schwangerschaftsende betrauert werden und auf der anderen Seite das gewollte Ende einer Schwangerschaft akzeptiert werden?
Hierzu ist meiner Meinung nach ein Mittelweg nötig. Eine Fehlgeburt kann betrauert werden, aber mit der Einsicht, dass vor allem die eigenen Vorfreuden und Vorstellungen, die in Vorbereitung auf ein Baby entstanden sind, betrauert werden. Es muss einen Mittelweg geben zwischen einer medizinisch-rationalen Sicht (es ist nur ein Fötus, der ohnehin nicht lebensfähig gewesen wäre, und Fehlgeburten sind häufig und normal) und einer emotional-spirituellen Sicht (es wurde eine echte, ganze Person verloren). Um diesen Mittelweg möglich zu machen, müssen Fehlgeburten, mit ihrer Häufigkeit, ihren Gründen, ihrem Ablauf, aber auch ihrer Traurigkeit, ins Bewusstsein dringen. Und dafür müssen wir: drüber reden!
Und zum weiterlesen zum Thema:
Linda L. Layne - "Motherhood Lost: A Feminist Account of Pregnancy Loss in America"
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Linda L. Layne - "Motherhood Lost: A Feminist Account of Pregnancy Loss in America"
















